VV-Resolution, 10. Dezember 2024

Transformation der chemischen Industrie im Rheinland ermöglichen

Nordrhein-Westfalen strebt an, die erste klimaneutrale Industrieregion Europas zu werden. Dabei spielt das Rheinland als wichtiger Standort für die chemische Industrie eine Schlüsselrolle: Über 70.000 Menschen sind hier in mehr als 260 Unternehmen beschäftigt, die zusammen einen Jahresumsatz von rund 35 Milliarden Euro erwirtschaften. Die chemische Industrie ist somit Fundament für Wertschöpfung und Wohlstand in NRW und entwickelt gleichzeitig innovative Lösungen für den Klimaschutz.
Damit das Ziel einer klimaneutralen Industrieregion erreicht werden kann, macht sich die chemische Industrie im Rheinland auf den Weg zur Klimaneutralität. Die Herausforderungen für eine klimaneutrale Chemieindustrie sind jedoch immens. Nun gilt es, die notwendigen Voraussetzungen für diese Transformation zu schaffen.

Alternative Rohstoffe: Den Wandel in der Rohstoffbasis vorantreiben

Um die chemische Industrie klimaneutral zu gestalten, muss der derzeitige Bedarf an fossilen Rohstoffen wie Öl und Gas durch alternative, treibhausgasneutrale Ressourcen ersetzt werden.
Hierfür werden folgende Rohstoffe und Technologien benötigt:

Kunststoffrecycling:

Recycling ist eine effektive Möglichkeit, den Bedarf an fossilen Rohstoffen zu reduzieren und Emissionen zu verringern. Besonders das chemische Recycling hat im Rheinland großes Potenzial, da hier ein Großteil der deutschen Steamcracker angesiedelt ist. Durch chemisches Recycling könnten in diesen Anlagen fossile Rohstoffe ersetzt werden und so eine treibhausgasneutrale Produktion mit regional verfügbaren Ressourcen gelingen.

Biomasse als Rohstoffquelle:

Aktuell nicht genutzte biogene Abfälle, wie etwa Forstwirtschaftsabfälle, können ebenfalls als alternative Rohstoffquelle dienen, um Basischemikalien herzustellen. Aus der Biomasse werden Kohlenstoffe für die Produktion gewonnen. Weil Biomasse zuvor CO₂ aus der Atmosphäre aufgenommen hat, können dadurch sogar Emissionen aufgewogen werden.

CO₂-Nutzung und -Speicherung (Carbon Capture and Usage (CCU), Carbon Capture and Storage (CCS)):

Mit Technologien zur Speicherung und -nutzung von CO₂ kann der Kohlenstoffbedarf in Teilen gedeckt und die chemische Produktion gleichzeitig treibhausgasneutral gestaltet werden. Das Auffangen und Speichern von CO₂ bietet als „Brückentechnologie“ schon heute eine Möglichkeit, die CO₂-Emissionen zu verringern. Dies ist besonders wichtig, um mithilfe von Gaskraftwerken Dampf als einen wesentlichen Energieträger der chemischen Industrie klimaneutral erzeugen zu können, bis technische Alternativen zu konkurrenzfähigen Kosten zur Verfügung stehen.

Notwendige Voraussetzungen für eine klimaneutrale Chemieindustrie

Um die chemische Industrie im Rheinland auf eine klimafreundliche Basis zu stellen, braucht es neben alternativen Rohstoffen auch eine sichere Versorgung mit emissionsfreiem Strom und treibhausgasneutralem Wasserstoff zu wettbewerbsfähigen Preisen. Die Transformation kann nur gelingen, wenn die Wettbewerbsfähigkeit der Branche dauerhaft gewährleistet ist und nicht nur durch Subventionen kurzfristig am Standort gehalten wird.

Erneuerbare Energien und Wasserstoffbedarf:

Die Umstellung auf klimaneutrale Rohstoffe und Produktionsprozesse führt je nach eingesetzten Technologien zu einem deutlich höheren Bedarf an grünem Strom- und Wasserstoff in der chemischen Industrie.

Angepasste Infrastruktur:

Um eine klimafreundliche Industrie zu ermöglichen, ist ein Ausbau der Infrastruktur erforderlich. Dazu gehören Pipelines für den Transport von Wasserstoff und CO₂ sowie die Verkehrsinfrastruktur für die Transporte großer Mengen von Kunststoffen und Biomasse.

Aufgaben für die Politik: Wegbereiter für den Wandel

Der Staat muss mit folgenden Maßnahmen einen kostenoptimierten Transformationspfad unterstützen:

  • Für sichere Energie zu wettbewerbsfähigen Kosten sorgen: Die Zukunft der chemischen Industrie hängt zuvorderst an der Verfügbarkeit von grüner Energie und wettbewerbsfähigen Energiekosten. Umso mehr brauchen wir eine klare Strategie für die Energieversorgung in NRW.
  • Infrastruktur ausbauen: Eine schnelle und zuverlässige Bereitstellung der notwendigen Infrastruktur – insbesondere die Versorgung mit klimaneutralem Wasserstoff, die Rückleitung von CO₂ und der Ausbau der klassischen Verkehrswege – ist entscheidend, um Unternehmen den Übergang zu klimaneutralen Technologien zu ermöglichen.
  • Rechtsrahmen schaffen: Die Nutzung von bisherigen Kunststoff- und Biomasse-„Abfällen“ muss durch einen klaren Rechtsrahmen ermöglicht werden, der die „Abfälle“ als Wertstoffe deklariert und auch den Import ausreichender Mengen ermöglicht.
  • Forschungsförderung: Staatliche Förderungen müssen gezielt in die Forschung und Entwicklung von Technologien für das chemische Recycling und zur Nutzung von Biomasse investiert werden.
  • Technologische Vielfalt fördern: Die Politik muss ideologische Barrieren und politisch festgelegte Technologiewege sein lassen und stattdessen den Unternehmen die Freiheit geben, die effektivsten und effizientesten Technologien einzusetzen. Das gilt insbesondere auch für CCU und CCS.
Deutschland und auch das Rheinland sind in energieintensiven Industriefeldern nur noch bedingt wettbewerbsfähig. Die chemische Industrie im Rheinland stellt sich den Herausforderungen der Transformation zur Klimaneutralität und hat mögliche Wege aufgezeigt. Es gilt, auf das Know-how und die Innovationskraft der Industrie zu setzen, um die ehrgeizigen Klimaziele zu erreichen. Es ist an der Politik, diese Wege mit allen Mitteln zu unterstützen.