Digitalisierung Maritime Wirtschaft

Sie halten das Ergebnis eines lebendigen Diskurses mit Fachleuten aus allen Bereichen der maritimen Wirtschaft in den Händen. Dieses Positions- und Forderungspapier wurde gemeinsam im Arbeitskreis Maritime Wirtschaft und mit weiteren Vertretern der maritimen und digitalen Wirtschaft erarbeitet und anschließend von den Vollversammlungen aller IHKn in Schleswig-Holstein verabschiedet. Den genauen Ablauf haben wir hier in einer Grafik dargestellt.
Die maritime Wirtschaft ist eine der Schlüsselbranchen hier in Schleswig-Holstein. Sie beschäftigt hochqualifizierte Arbeitskräfte, sichert Lieferketten und ist essenziell für den Welthandel. Die Branche greift auf eine lange Tradition zurück und bietet aufgrund ihrer Vielfältigkeit eine große Zahl maritimer Zukunftsfelder: emissionsfreie, datenbasierte Schifffahrt, innovativer Schiffbau, Häfen und Logistik 4.0, Meerestechnik, Aquakultur, Tiefseebergbau, Offshore-Energieerzeugung und maritimen Tourismus.
Besonderheit ist, dass die maritime Wirtschaft an Land und auf See tätig ist und damit andere Formen zur digitalen Vernetzung braucht. Die digitale Transformation wird, wie andere Wirtschaftszweige auch, die maritime Wirtschaft gravierend verändern. Dies gilt besonders für die Bereiche, deren Voraussetzungen für eine Digitalisierung erst jetzt vorhanden sind, zum Beispiel durch den Einsatz von smarten IoT Lösungen (Internet of Things) und der einfacheren Vernetzung durch 5G-Technologien.
Um diesen Entwicklungen Rechnung zu tragen, sind passende politische und administrative Rahmenbedingungen nötig, damit die Unternehmen den aktuellen Herausforderungen begegnen und die darin verankerten Chancen nutzen können. Unternehmer*innen in Schleswig-Holstein haben längst erkannt, dass die digitale Transformation auch im eigenen Unternehmen ein entscheidender Faktor für eine erfolgreiche Zukunft im internationalen Wettbewerb ist. Die genannten Rahmenbedingungen sind die Grundlage für das vorliegende Papier, welches in gemeinsamer Arbeit mit der Wirtschaft entstanden ist: branchen- und fachübergreifend mit unseren Mitgliedsunternehmen in Schleswig-Holstein, mit Experten aus anderen Branchen und mit wichtigen Impulsen aus der Wissenschaft.
Wir verfolgen mit diesem Positions- und Forderungspapier verschiedene Ziele:
  • Wir wollen die vielfältigen Facetten der maritimen Wirtschaft beleuchten.
  • Wir wollen zeigen, welche großen Potenziale die Digitalisierung mit sich bringt.
  • Wir wollen daraus entstehende Chancen benennen, besonders für den internationalen Wettbewerb.
  • Wir wollen (An-)Forderungen stellen: an Politik, Verwaltung – und uns selbst.
Die Diskussionen und das Zusammenführen der Inhalte in diesem Papier waren der erste Schritt. Die Weiterentwicklung der Themen und der kontinuierliche Austausch mit unseren Mitgliedsunternehmen sowie die Umsetzung der Forderungen gegenüber der Politik sind die weiteren Schritte. Die maritime Wirtschaft in Schleswig-Holstein möchte Impulse setzen, innovative Lösungen finden und die hochqualifizierten Arbeitsplätze im Land erhalten. Dafür braucht sie die richtigen Rahmenbedingungen von Politik und Verwaltung. Wir freuen uns auf rege Gespräche mit Ihnen: analog und digital – heute, morgen und in der Zukunft.

Kurzfassung

Es ist nicht verwunderlich, dass die zunehmende Digitalisierung auch auf die maritime Wirtschaft immense Auswirkungen hat. Aktuell steht alles auf dem Prüfstand: klassische Geschäftsmodelle, Prozesse sowie Strukturen. Die damit verbundenen Herausforderungen für Schiffbau, maritime Dienstleistungen, Häfen und Verwaltungen sollten aber nicht als Hindernis, sondern als Chance betrachtet werden. Die intelligente Verknüpfung von digitalisierten Daten eröffnet neue Geschäftsfelder, macht Prozesse besser planbar und ermöglicht eine optimierte Koordinierung und Vernetzung der gesamten maritimen Branche. Digitale Assistenzsysteme in der Schifffahrt erhöhen die Sicherheit. Digitalisierung der Hafenlogistik verkürzt Wartezeiten. Echtzeitdaten aus der Meerestechnik und Aquakultur bieten die Chance, neue Erkenntnisse zu generieren.
Die Digitalisierung ist eine Herausforderung für alle und braucht die passenden Rahmenbedingungen von Politik und Verwaltung.

Ausbau der digitalen Infrastruktur

Die Infrastruktur darf nicht das digitale Nadelöhr sein. Dies gilt für die maritime Wirtschaft umso mehr, da sie sowohl an Land als auch auf See in hohem Maße davon abhängig ist. Nur mit einer modernen digitalen Infrastruktur lassen sich Daten schnell und umfänglich bearbeiten, abbilden und transportieren. Glasfaser und Hochleistungsmobilfunk (4G und 5G) mit einer hohen Netzabdeckung sind die Voraussetzung und müssen zügig ausgebaut werden. Hier brauchen wir eine hohe Investitionsbereitschaft, um essenzielle Echtzeitkommunikation und Echtzeitdatenaustausch auf See und mit dem Land reibungslos zu ermöglichen.
Forderung
  • Leistungsfähige leitungsgebundene und mobile digitale Infrastruktur an Land, auf See und entlang der Küsten schaffen

Schaffung innovativer Testgebiete

Schon jetzt zeichnet sich ab, dass mittel- bis langfristig automatisiertes oder gar autonomes Fahren ein wichtiges Ziel der maritimen Verkehrs- und Logistik sein muss. Breitband und ein mobiles Netz reichen dabei nicht aus. Nur wenn ein zusätzliches Netz von Sensoren und deren intensiven Vernetzung, sowie Plattformen, für sofortige Datenverfügbarkeit und deren Echtzeitauswertung vorhanden sind, ist zumindest das zunehmend automatisierte Fahren auch auf dem Wasser überhaupt möglich. Auch wenn es bis zu einer flächendeckenden Verfügbarkeit noch etwas dauern wird, so sollten schon im Vorfeld eine Vielzahl von Testreihen in speziell geschaffenen Testgebieten durchgeführt werden.
Forderungen
  • Testflächen für (teil-)autonome Systeme schaffen, die die unterschiedlichen Anforderungen abdecken
  • Rechtliche Voraussetzungen für Testflächen auf Wasserstraßen, in Häfen und auf See schaffen

Förderprogramme fortsetzen

Damit die maritime Branche Schleswig-Holsteins im internationalen Wettbewerb mithalten kann, braucht es ein hohes Engagement im Bereich Forschung und Entwicklung (FuE). Zahlreiche maritime Projekte haben in den letzten Jahren gezeigt, dass eine Vielzahl von Digitalisierungsvorhaben erst durch Förderprogramme umgesetzt werden können. Daher sollten diese fortgesetzt werden. Zu beachten ist dabei, dass die maritime Wirtschaft in Schleswig-Holstein von klein- und mittelständischen Unternehmen geprägt ist. Es gilt also, den administrativen Aufwand so gering wie möglich zu halten, um Hemmschwellen abzubauen und Anreize zu stärken. Gemeinsame Projekte von Wirtschaft und Wissenschaft sind darüber hinaus ein Garant für den benötigten Wissens- und Technologietransfer.
Forderungen
  • Fördermittel für die digitale Transformation erhöhen
  • Förderprogramme IHATEC und DigiTest mittelfristig weiterführen
  • Vereinfachung des Zugangs zu Fördermitteln vor allem mit Blick auf den hohen administrativen Aufwand bei der Antragstellung

Einheitliche internationale Standards

  • Nicht nur aus ordnungsrechtlicher, sondern gerade aus wettbewerblicher Sicht müssen für alle Teilnehmer am Markt die gleichen Bedingungen gelten (level-playingfield): in erster Linie international. Aus unserer Sicht macht für die maritime Wirtschaft ein Top-Down-Ansatz am meisten Sinn, also von der International Maritime Organisation (IMO) hinunter zu den nationalstaatlichen Vorgaben. Nur so kann ein Flickenteppich an Regulierungen vermieden werden. Die Vereinheitlichung rechtlicher Grundlagen schafft genau die Sicherheit, die für Investitionen dringend benötigt werden.
Forderungen
  • Internationale Standards schaffen
  • Plattformen für Vernetzung schaffen
  • Schnittstellen einheitlich definieren
  • Schaffung europäischer Blockchain und Cloud-Lösungen

Bessere Qualifizierung

Neben dem Feld der Fachkräftesicherung müssen die Fachkräfte auch für die Anforderungen neuer digitale Prozesse und Strukturen befähigt werden. Die berufliche Ausbildung und die betriebliche Weiterbildung in der maritimen Branche müssen sich daher an den geänderten Bedarfen und Nachfragen orientieren und ebenso stetig und flexibel weiterentwickeln. Auf dem aktuellen technischen Entwicklungsstand zu sein und an innovativen Formaten teilzuhaben, wird für alle Akteure zukünftig unabdingbar.
Forderungen
  • Digitale Kompetenz bei Lehrkräften und Ausbildenden aufbauen
  • Vermehrte Vermittlung digitaler Lerninhalte
  • Digitale Techniken in die Aus- und Weiterbildung stärker integrieren
  • Sicherung der maritimen Studiengänge an den Hochschulen

Zukunftsfähige Verwaltung

Eine Schnittstelle zur Verwaltung in unterschiedlichster Intensität haben alle maritimen Unternehmen auf See und an Land. Wie auch in anderen Wirtschaftszweigen gibt es eine Vielzahl von Verfahren zur Beantragung, Genehmigung, Finanzierung und vielem mehr auf allen administrativen Ebenen: kommunal bis international. Um einer internationalen Wettbewerbsverzerrung vorzubeugen, müssen Verwaltungsprozesse beschleunigt, vereinfacht und angeglichen werden. Der internationale Rahmen führt oft zu Verzögerungen. Hier ist die Digitalisierung ein perfekter Ermöglicher (Enabler).
Forderungen
  • Mehr IT-Security-Stellen
  • Digitalisierung der Verwaltung und Einbindung in internationale Plattformen
  • Vereinheitlichung rechtlicher Grundlagen und Abbau von Zulassungshürden

Langfassung

Hier haben Sie die Möglichkeit das gesamte Positionspapier in der Langfassung herunterzuladen (nicht barrierefrei, PDF-Datei · 4563 KB).

Informationen und Meinungsbildungsprozess

Warum ist dieses Thema wichtig?

Intelligente Zulaufsteuerung, Remote Maintenance, autonome Schifffahrt - die maritime Wirtschaft befindet sich mitten in der digitalen Transformation. Durch die Digitalisierung entstehen veränderte Rahmenbedingungen für wirtschaftliches Handeln, neue Möglichkeiten für technische Innovationen und Lösungen und eine neue Ebene der Transparenz. Aber auch die Rahmenbedingungen müssen angepasst werden.
Verbunden mit der Digitalisierung gibt es viele Chancen, aber auch Herausforderungen. Wo stehen wir heute? Welche Entwicklungsmöglichkeiten und Perspektiven können wir in der Zukunft erreichen? Was müssen wir selbst anschieben? Von diesen Fragen abgeleitet erarbeiten wir gemeinsam mit Ihnen Forderungen an Politik und Verwaltung. Wichtig ist, die Bandbreite und die Besonderheiten der maritimen Branche aufzugreifen und damit einen umfassenden Rahmen zu setzen.

Frühere IHK-Positionen

  • Aktuell: 1. Auflage
    (Ergänzung zu den bisherigen Positionen im Bereich Infrastruktur, Mobilität, Maritime Wirtschaft und Digitalisierung)

Meinungsbildungsprozess

  • 04/2021 - Erarbeitung des Papiers im Haupt- und Ehrenamt
  • 5. Mai bis 14. Mai 2021 - Konsultationsphase
  • 3. Juni 2021 - Beschluss Vollversammlung